Das Aperitif-Ritual Mailands
04
Jul

Das Aperitif-Ritual Mailands

Mailand ist unter den Italienern aufgrund ihres intensiven Gesellschaftslebens bekannt: modische Lokale, ein Freizeitangebot, das die innovativsten Tendenzen Europas aufgreift, von historischen Schauplätzen umgeben, die den adligen Charakter ihrer Vorfahren bezeugen. Mailand ist eine Stadt, in der Getränke erfunden wurden und Bräuche entstanden sind, die wir uns nach und nach angeeignet haben.

“Chin-chin“ sagt man normalerweise, wenn zwei Gläser beim Anstoßen klingen. Dieser Ausdruck stammt vom Englischen „chin-chin“ und ursprünglich vom Chinesischen „ch’ing ch’ing“, dessen Übersetzung „bitte“ lautet. Er wurde in Europa zum ersten Mal von britischen Seefahrern verwendet. Heute sowie damals ist diese Höflichkeitsformel in Italien und besonders in Mailand die meistverwendetste beim Aperitif. Die Tradition, die die langobardische Hauptstadt als Begründerin dieses Rituals erachtet, hat ihren Ursprung in den 80er Jahren, als ein bekannter Werbespot sich in das Manifest dieser Zeit verwandelte. Das Unternehmen Amaro Ramazzotti lancierte mit dem Slogan „Milano da bere“ (Mailand zum Trinken) sein berühmtestes Getränk, einen durch Maische von 33 Kräuterarten hergestellten Likör, der dazu bestimmt war, das erste Getränk ohne Wein als Grundzutat zu werden. Mit dem Werbespot sollte ein Bild Mailands als energische, mächtige und starke Stadt vermittelt werden, die in der Lage ist, auf die tragischen Terrorakte der 70er zu reagieren.

Mailand verwandelte sich somit in ein Symbol für Wohlstand und rasenden Rhythmus, was eine moderne und fröhliche Stadt auszeichnet. Die ambrosianische Hauptstadt möchte sich durchsetzen und als New York Europas angesehen werden – als die italienische Stadt, die niemals schläft und deren Bewohner Models und Börsenmakler sind. So geschah es, dass fantastische Straßen, wie die Via Monte Napoleone und Via della Spiga, die die glamourösesten Geschäfte von damals beherbergen, zum Trend und folglich bis heute noch zu intakten wahrhaften Ikonen wurden. Die Modeindustrie entwickelte sich zum wichtigsten Anreiz der Stadt, und Mailand wurde von nun an das Synonym für das Gütesiegel „Made in Italy“, wodurch sie auf den Catwalks fortan eine wachsende Präsenz zeigte. Die Leute zeigen ihren Spaß am Leben, gehen aus und verbringen gerne Zeit mit anderen in Begleitung – wie es nicht anders sein könnte – eines köstlichen Cocktails, um ihre Erfolgserlebnisse mit ihnen zu teilen und zu feiern. So entstand das Ritual des Aperitifs, eine stets aktuelle Tendenz, die immer mehr Anhänger auf der ganzen Welt findet.

Und in diesem Sinne ist der Campari eine der unbestreitbaren Ikonen Mailands. Sein Ursprung wird mit der Ankunft von Gaspare Campari 1862 in der Stadt in Verbindung gebracht. Zwischen Novara und Turin hin- und hergerissen und nach mehreren Versuchen mit wechselndem Glück gelang es dem Unternehmer, in der zentral gelegenen Piazza del Duomo neben der wunderschönen Galleria Vittorio Emanuele eine Bar zu eröffnen. Gaspare richtete im Hinterzimmer seines Lokals ein Labor ein, um mit Destillaten und Elixieren zu experimentieren, die ihm letztendlich zum Erfolg verhalfen. Das Rezept des Campari war geboren und den Mailändern zufolge wurde es seither nicht im Geringsten geändert. Sowohl die Piazza del Duomo als auch die Galleria Vittorio Emanuele – beide Zeugen der Entstehung des Campari – sind zweifellos einen Besuch wert. Die außergewöhnliche Schönheit der Kathedrale, die emblematische Aussicht von oben und die Eleganz aus anderen Epochen, die die Geschäfte in der Galerie umhüllt, sind ein deutlicher Ausdruck der stilvollen und kontroversen Seele der langobardischen Hauptstadt. In diesem Zusammenhang möchten wir einen weiteren Cocktail vorstellen, der international bekannt geworden ist: der Americano. Wenngleich der Name an andere Länder erinnert, ist er eigentlich ein rundum italienisches Getränk, bestehend aus: Vermouth rosso aus Turin, Campari und einem Schuss Soda. Gerade seine Zutaten geben ihm auch den Namen Milano-Torino bzw. TO-MI. Einige glauben, der Name „Americano“ rühre von der Siegesfeier des italienischen Boxers Primo Carnera in New York zu Zeiten des Faschismus her. Ein weiterer unbestreitbarer Hauptdarsteller der mailändischen Theken ist der Negroni sbagliato. In den 60ern vom Bartender Maurizio Stocchetto geschaffen unterscheidet sich dieser Cocktail von der klassischen Variante (Gin, Wermut, Campari), da hier mit trockenem Sekt statt Gin gemischt wird. „Sbagliato“ bedeutet auf Italienisch verkehrt, und in diesem Fall handelt es sich genau um so einen Fehler bei der Verwendung der Zutaten, was zu der Mischung dieses Getränks führte, welches unter den Mailändern besonders beliebt ist.

 

 

Wie es bereits anzunehmen ist, ist das Angebot an Lokalen, in denen man vor und nach der Arbeit einen Drink nehmen kann, schier unendlich. Die meisten befinden sich im Stadtteil Navigli. Die Navigli – die Wasserstraßen von Mailand – sind Bewässerungs- und schiffbare Kanäle, die dazu dienten, den Lago Maggiore mit dem Lago di Como und dem Ticino zu verbinden, wodurch der langobardischen Hauptstadt die Wege in die Schweiz und dem nordwestlichen Europa eröffnet wurde. Heutzutage findet man entlang dieser Kanäle unzählige Lokale, die Aperitifs anbieten. Diese bestehen generell aus einem reichhaltigen Buffet mit kalter Pasta, Pizzas, Bruschetta und anderen Köstlichkeiten, die gut zu einem Cocktail passen. Das gastronomische Angebot ist zudem immer vielfältiger und großzügiger geworden, und zwar so sehr, dass das Aperitif zu dem geworden ist, was die Mailänder Apericena (Abendbuffet) nennen. Da die Portionen der Häppchen eher eigentlichen Speisen ähneln und die Rezepte anspruchsvoller sind, ist das „Apericena“ also ein Moment des Genusses von beidem – um genau zu sein, eine Mischung aus Aperitif (aperitivo) und Abendessen (cena). In Mailand ist übrigens jeder Tag dafür geeignet, einen Apericena zu genießen.

In der nächsten Veröffentlichung werden wir durch die wunderschönen Berge und Täler wandern, die die Lombardei umgeben und bis hin in die Schweiz reichen: das Veltlin. Dieses Gebiet wird besonders von Liebhabern des Wintersports, die aus der ganzen Welt in die italienischen Alpen reisen, geschätzt.

45.4654219, 9.1859243

Milán

Sie ist die größte Stadt Oberitaliens und zweitgrößte Italiens, Hauptstadt der Provinz Mailand und der Region Lombardei. Sie befindet sich in der Po-Ebene, eine der fortgeschrittensten Regionen Italiens.

Stadt: 1.345.890 hab.

Fläche: 181,76 kmª

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